Ernährung für Fortgeschrittene: natürlich leiden wir.

Der Mensch hat vieles erreicht; das Leben im 21. Jahrhundert ist bequemer, sicherer, schneller und weltweit organisierter als noch vor vielen Jahrhunderten.

Aber deshalb fällt es uns auch manchmal schwer, Dinge zu akzeptieren, die nicht in unserer Macht stehen; wir sind uns Kontrolle gewöhnt. Aber:

Wir müssen den Tatsachen in die Augen schauen: Unser Körper funktioniert so, wie ihn die Evolution geschaffen hat – und nicht, wie es die Gesellschaftsnorm wünscht.

Deine Verdauung hat kein Update gekriegt

Zwar verändert sich der Mensch in seiner Umwelt stetig durch Innovationen und technische Fortschritte, aber der Verdauungsapparat – der hinkt mit seinem Update noch hinterher; nach wie vor stimmt unsere Genetik sogar zu 99% mit der des Steinzeitmenschen überein.

Somit funktioniert unser Körper, wie er evolutionslogisch funktionieren muss.

Bei den unüberschaubaren Möglichkeiten der heutigen Zeit ist dieses Verständnis Gold wert, wenn es darum geht, spezifische Leiden mit einer angepassten Ernährung zu beheben.

Fressattacken

Sie sind weder selten noch überraschend undziemlich gut verbreitet, wie ich auch bei meinen Sitzungen sehe.

Wenn jemand seine Mahlzeiten-Menge herunterschraubt, stundenlang hungert oder komplett auf Kohlenhydrate verzichtet, ist es keine Überraschung, wenn man beim nächsten Essen plötzlich nicht mehr bremsen kann: Denn der Körper glaubt jetzt, es ist Dürreperiode oder Krieg, und will ihn darum beschützen: bei der nächst besten Möglichkeit schreit er: „Zupacken, sammeln, horten; fressen! Wir müssen überleben.“

Von Kühlschränken und Geschäften, die 24 Stunden geöffnet sind, weiss er einfach nichts.

Verdauungsbeschwerden

Vor bestimmten Tätigkeiten pflegen wir in der Regel ein Ritual, welches unbewusst aber ganz natürlich dazu dient, dass wir uns vorab in die passende Stimmung versetzen und unser Körper sich vorbereiten kann.

Bevor wir Sport treiben, wärmen wir uns auf, damit es keine Zerrungen gibt. Bevor wir zur Arbeit gehen, haben wir unser Aufwach-Ritual, bevor wir zu leisten beginnen. Bevor wir in an die Party gehen, kleiden wir uns entsprechend, um uns wohl zu fühlen.

Und so bereiten wir uns eigentlich auch aufs Essen vor: beim Zubereiten und Kochen der Lebensmittel erfährt der Magen durch die verschiedenen Düfte, dass er sich zum Verdauen vorbereiten und Magensäure produzieren muss. (Darum bekommen wir auch beim Weihnachtsmarkt plötzlich Hunger, selbst wenn wir grad vom Essen kommen; die vielen Düfte setzten unserem Magen einfach irreführende Signale)

Mit den zahlreichen Konvenienz-Produkten wird dieses System jetzt aber gestört. Es gibt zwar mittlerweile auch ein richtig tolles Angebot an gesundem Fastfood: Schnell, lecker und ausgewählt.

Doch „schnell“ hat einfach gar nichts mit gesund oder natürlich zu tun, und wenn weder Darm noch Magen vorbereitet sind, nützt die beste Qualität nichts.

Chronische Müdigkeit

A propos schnell; Auch für die Nahrungsaufnahme bleibt im hektischen Alltag heute oft gar nicht viel Zeit, sodass viele von uns durchschnittlich gerade mal 10 Minuten von ihrer ganzen Mittagsstunde fürs Essen verwenden.
Im besten Falle sind wir sogar schon beim letzten Runterschlucken auch gleich wieder auf dem Sprung.

Dabei wird vergessen, warum wir überhaupt essen: Um daraus Energie für uns selbst zu gewinnen. Und dieser Prozess braucht Zeit.
Beim Handy ist uns auch klar, dass wir etwas Geduld haben müssen, bis der Akku voll ist. Warum vergessen wir dann immer wieder, dass auch unsere Verdauung diese Zeit braucht?

Ausserdem wird in unserer Konsumgesellschaft Essen auch gerne zur Emotionsregulierung gebraucht; gegen Unruhe, gegen Langeweile, gegen Trauer, als Belohnung oder zum Aufputschen.

Noch nie in der Geschichte konnten wir so einfach konsumieren, ohne vorab leisten zu müssen. Und noch nie in der Geschichte, musste unsere Verdauung und der Stoffwechsel so viel arbeiten, wie sie es heute tun.

Müdigkeit entsteht nicht nur in den Muskeln und im Kopf: Müdigkeit kann auch von einem erschöpften Verdauungsapparat her kommen.

Innere Unruhe

Uns mit Hilfe von Lebensmittel aufzuputschen, damit wir in unserer Leistungsgesellschaft mithalten können, ist nicht schwierig; Kaffee, Energiedrinks, Alkohol, farbige Tees und Zucker regen uns an, machen uns produktiv und wach.

Leider sind sich die wenigsten auch der Folgen dieses Missbrauchs bewusst: sodass wir am Ende des strengen Tages / einer Tätigkeit plötzlich ganz perplex da stehen; unruhig, nervös, angespannt. Und irgendwie verloren.

Warum?

Weil wir nicht bedenken wollen, dass auch nach beendeter Tätigkeit der Adrenalin- und Cortisol-Kick unseren Körper noch fest im Griff haben.

Jetzt weisst Du’s. Darum, suche kein Gegenmittel in unruhigen Phasen; gib Dir einfach noch Zeit und bleib Geduldig.

Dein Körper arbeitet für Dich; stell Dich nicht gegen ihn.

Bleib so wie Du bist – einfach bewusst.

„Aber die anderen machen das auch so – warum soll ich das nicht machen dürfen?“ Auch wenn es klar ist, dass wir nicht blind der Masse folgen sollten, wurde es in der Praxis doch oft zum Gewohnheitsrecht des Menschen: Sich hinter einer grossen Masse zu verstecken, gilt als normal und wird als Ausrede schnell akzeptiert.

Aber nicht von Deinem Körper!

Darum ist es nur von Vorteil wenn wir verstehen, dass eine körpergerechte und gesunde Ernährung, körperlich wie psychisch, nicht mit gesellschaftlichen Normen und wirtschaftlichem Interesse beantwortet werden kann.

Damit sich niemand unschuldig hinter den Leiden und Ausreden der anderen verstecken muss.

So kann jeder machen, was und wie er will; nur mit dem Bewusstsein, dass jeder selbst die Verantwortung und die Konsequenzen trägt.

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