Lassen wir das mit dem Gesundheitswahn!

Ich kann es nicht mehr hören: Gesundheit. Und das unendliche Streben danach. Überall so viele Angebote, um seine Gesundheit zu fördern, zu stärken und zu zelebrieren.

Aber müssen wir wirklich so viel beachten, um gesund zu bleiben? Oder gar zu werden? Müssen wir uns anstrengen und Gesundheit aneignen, bevor wir sie nutzen können? Und wie lange hält sie an, wenn wir uns mal nicht um sie kümmern?

Was bedeutet denn Gesundheit?

Gesundheit Ernährung Fitness

Die Weltgesundheitsorganisation definiert folgendermassen: Gesundheit ist der Zustand vollständigen Wohlbefindens.

Aber ehrlich; also ich fühle mich nicht jeden Tag gleich wohl. Manchmal bin ich einfach nur träge, angepisst und lustlos. Ich habe zwar keine Schmerzen. Aber ich fühle mich  nicht wohl. Einfach so. Bin ich in diesen Momenten dann nicht gesund?

Ist Gesundheit nur ein weiterer Begriff für das eigene Wohlbefinden?

Kraft um zu Leisten

Wir sind uns einig, dass wir nicht das meinen, wenn wir im Alltag von Gesundheit sprechen. Immerhin gibt es doch Menschen, die nicht im klassischen Sinne gesund durch den Tag gehen – und sich doch wohl zu fühlen scheinen.

«Man kann unendlich viel für seine Gesundheit tun. Das hat aber nicht viel, oft sogar gar nichts damit zu tun, ob und in welchem Masse man sich als gesund empfindet – und Letzteres zählt.“

(Prof. Dr. med. Klaus Dörner, Deutsches Ärtzeblatt, 2002).

Ich denke, das ist der Punkt.

Gesund wollen wir sein um das Leben ohne Leiden zu erleben und zu geniessen. Um jede noch so steile, rutschige, steinerne oder unvorstellbare Hürde mit 100% Körpereinsatz möglichst leicht überwinden zu können.

Aber ich denke nicht, dass wir für das Wohl einer unverbesserlichen Gesundheit ständig etwas tun müssen.

Wenn Gesundheit krank macht

Wie sind wir denn auf die Welt gekommen? Mehr oder weniger gesund, oder? (wahrscheinlich eher mehr, wenn wir uns mit heute vergleichen 😉 ).

Die Gesundheit war also schon da. Wir können uns um sie kümmern und pflegen. Aber wir brauchen sie nicht mühsam neu zu erschaffen oder zu erkämpfen.

Denn auch wenn etwas nachweisbar die Gesundheit fördert, kann sie dadurch trotzdem verschlechtert werden.

Zum Beispiel, wenn wir so sehr glauben, dass wir uns Gesundheit, wie Geld oder andere Materialien, aneignen müssen und davon auf einmal nicht mehr genug haben können. Oder wenn eine hypochondrische Überaufmerksamkeit auf das Selbst entsteht. Wenn das «Mittel zum Leben» zum Lebenszweck wird und wir im Alltag neben Arbeit, Training und was weiss ich welche gesundheitsfördernden Massnahmen jemand pflegt, keine Zeit mehr für die eigentlichen, persönlichen Bedürfnisse bleiben.

Und ist es nicht mittlerweile oft so? Dass viel Freizeit für Sport, Massage, Physiotherapie und und und drauf geht?

Nicht dass das per se schlecht ist. Aber die aktuelle Situation, dass man schon ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man etwas tut, das nicht „gesund“ ist – das finde ich beunruhigend. 

Genuss ist ein natürliches Bedürfnis!

Wer gab denn die Erlaubnis, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn wir mal mit irgendwas sündigen oder den ganzen Tag auf dem Sofa verbringen?

Neben der körperlichen Arbeit war Genuss und gemütliches Beisammen-hocken am Lagerfeuer doch früher noch keine Sünde und sogar lange das einzige, womit sich der Mensch vergnügt hatte. Alkohol, Pfeifen, ein fettes Stück Fleisch, Weissbrot – das war alles schon lange da.

Ich denke, wir brauchen uns das nicht zu nehmen. Lass uns bloss ein Mass finden, mit dem wir uns auch beim Genuss wohl fühlen können.

Denn Fakt ist:

Gesundheit ist zum Wirtschaftsprodukt geworden

Wer etwas von Marketing versteht, weiss: Erst ein Bedürfnis beim potenziellen Kunden erschaffen. Dann die Lösung präsentieren und zum Kauf animieren.

Die Fitness-, Medizin- und allgemeine Gesundheitsbranchen machen das genauso. Ergebnis: wir fühlen uns nicht «ganz in Ordnung», studieren schon nach einem Tag Rückenschmerzen, welches Training oder welcher Arzt wohl der geeignetste ist.

Und vergessen dabei, dass Befindlichkeitsstörungen, Unwohlsein und Schmerzempfindungen ganz natürlich sind und zum Leben dazugehören. Ohne dabei  an einer Krankheit zu leiden.

Schätze das Unwohlsein

Denn wie gesund ist auch krank kein permanenter Zustand. Schmerzen oder Unwohlsein sind meist nur Zeichen dafür, dass die Zeit da ist, etwas zu verändern. Wenn ich nach 3 Tagen wildem Schreiben hier Schultern-Schmerzen habe, sollte ich vielleicht einfach mal vom Bürostuhl aufstehen und mich körperlich bewegen. Wenn ich dauernd sauer aufstosse, kann ich dem entgegenwirken, indem ich mal ein paar Tage aufs Feierabend-Bier verzichte.

«Die Gesundheitsgesellschaft treibt der Gesellschaft mit der Gesundheit die Vitalität aus.»

Nochmals zitiert von Herr Dr. Dörner

Nicht alles verlangt eine rundum Lebenserneuerung und von Grund auf eine neue Tagesplanung. Manchmal reicht auch das aufmerksame Fühlen und momentane Reagieren auf die körperlichen Bedürfnisse.

Für Wiederbelastung sorgen

Klar müssen wir uns heute vielleicht etwas bewusster bewegen, damit wir nicht einrosten; immerhin fällt uns das meiste mittlerweile ohne die einst natürlichen, körperliche Arbeit in den Schoss. Neben Entlastung müssen wir also auch aktiv für die Wiederbelastung sorgen.

Aber wir müssen uns sicher nicht wahnsinnig machen.

Auf die unüberschaubaren Angebote der Gesundheitsbranche sind wir nicht zwingend angewiesen. Sie geben wunderbare Möglichkeiten, Abwechslung und Hilfe. Aber sie sind weder Dein noch mein Orientierungslauf.

In dem Sinne: geniess Dein Leben und fühl Dich wohl dabei.

Herzlich,

Lynn Winzenried, Genuss-Verfechterin 😉

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